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amphibiensammler

  • gedanken einer krötensammlerin

    spontanität brachte mich unverhofft zur jahreshauptversammlung vom naturschutzbund. gedankenlos gab ich mich der euphorie hin, als eine liebe freundin vom amphibiensammeln erzählte. „ohja, das möchte ich auch machen“, kaum purzelten die worte aus mir heraus, saß ich eine stunde später auch schon unter den naturschützern. da hockte ich nun, wirkte engagiert und lauschte aufmerksam den passionierten umweltschützern. ich fühlte mich geringfügig fehl am platze. lag unter umständen daran, dass zwei junge hüpfer wie wir, den altersdurchschnitt um gefühlte 20 jahre senkten. oder vielmehr daran, dass ich zwar in der theorie und mit meinem lebensstil zwar vielen tieren das leben rettete, aber noch nie wirklich aktiv zur tat schritt. die diskussion kommt zum höhepunkt. amphibienwanderung! in mir steigt langsam die erkenntnis auf, worauf ich mich voreilig eingelassen habe. alles klar. lass dir deine zweifel bloß nicht anmerken. du wolltest in den aktiven tierschutz einsteigen? hier ist deine gelegenheit. der letzte vortrag kommt zum ende, eine liste wird rumgereicht. name, telefonnummer und email. auweia, eine whatsapp gruppe existiert ebenfalls! okay, jetzt wird’s ernst. aus der nummer kommst du nicht mehr raus. wenn ich ganz ehrlich bin, nahm ich amphibiensammler bis dato nicht einmal als vollwertige tierschützer wahr. ab diesem tage war ich eine von ihnen.

    dieses erdkrötenmännchen hat es dank der lieben sammlerin elisa in die sicherheit des weihers geschafft (photo by elisa hanusch)

    whatsapp bimmelt und verrät, dass die schutzzäune aufgebaut sind! na prima, wenn das wetter mitspielt, kann es also bald losgehen. das heißt ausstattung ein letztes mal überprüfen. tiefe eimer, taschenlampe und warnweste. check! du siehst total albern aus. diese gummistiefel! diese stirnlampe! nun ist es amtlich, die neongelbe warnweste outet dich als nerdy tierschützer. das warme wetter ließ auch gar nicht lange auf sich warten. es hat begonnen. die amphibien setzten sich in bewegung. heute abend bist du auch dran. mal sehen, vielleicht fällt dir doch noch eine rettende ausrede ein, um nicht antreten zu müssen? sei doch ehrlich, du findest kröten alles andere als kuschelig und liebenswert. nur zu gut erinnere ich mich, wie meine eltern mich davor warnten diese tiere anzufassen, weil man warzen davon bekommt! tief durchatmen. das mit den warzen ist völliger quatsch! du liebst alle lebewesen. alle, nicht nur die süßen flauschigen! du willst tiere aktiv retten. nicht nur in der theorie. du willst die natur schützen. mit vollem einsatz! es dreht sich nicht um dich, sondern um die tiere. reiß dich am riemen und steh deine tierschützerin! außerdem bist du nicht der typ mensch, der freunde in stich lässt. auf geht’s mit gebrüll zur ersten abendlichen rettungsaktion.

    meine freundin, deutlich motivierter, steckte innerhalb kürzester zeit mit ihrer begeisterung an. jegliche scheu war vergessen. jetzt fehlen nur noch die tierchen. gespannt auf den ansturm der wanderung, zogen wir los. am ersten krötenzaun gab es ein einziges krötenmännchen. etwas verdutzt blickte er drein, als wir zwei vor freude quiekenden mädels, uns voller rettungseifer auf ihn stürzten. am nächsten grünen schutzzaun jedoch herrschte gähnende leere. auf der letzten vielversprechenden strecke fand sich auch niemand. etwas wehmütig entließen wir den kleinen kröterich am weiher in seine wohlverdiente freiheit. mit leeren eimern gaben wir schließlich auf und zogen von dannen. zu hause angekommen, haute ich mich in die federn. stolz wie bolle. träumte von molchen, kröten und grasfröschen.

    ganz anders sah es in der darauf folgenden woche aus. die temperaturen stiegen weiter an und die wolken brachen und entließen alle regentropfen, die sie ansammelten. optimaler ging es kaum für die paarungsfreudigen wanderer. ich verspätete mich einige minuten zum sammeltermin und kam in einer dramatischen szene an. meine freundin rannte im zick zack auf der ungesicherten straße herum, um die tiere vor vorbeirasenden autos zu bewahren. leichte panik gepaart mit einem schlechten gewissen, parkte ich mein auto und sprang ins windige nass. sie waren überall. ihr instinkt zum geburtsweiher zu laufen und sich zu paaren, war größer als die angst vor dem tod. auf den straßen, auf dem bürgersteig, im kreisverkehr, in gullies. die eimer am fangzaun füllten sich im akkord. wind und regen peitschten uns ins gesicht und wir rannten die gefahrenstellen immer wieder erneut ab. der andrang hörte einfach nicht auf. zu all der hektik des einsammelns kam der zorn hinzu. vor unseren augen wurden kröten und grasfrösche überfahren. wir waren bei so vielen tieren zu spät. es gab mir und meiner begleiterin jedes mal einen stich ins herz, wenn gewissenlose autofahrer mit überhöhter geschwindigkeit an uns vorbeirauschten. hunderte schafften wir in sicherheit. nichts desto trotz gingen uns getötete tiere nicht aus dem kopf!

    sowohl bei den kröten als auch den fröschen trägt das größere weibchen die zierlichen männchen (photo by elisa hanusch)

    „fokussieren wir uns auf die, die wir in sicherheit gebracht haben“, versuchte ich zu trösten. insgesamt wurden in dem vierwöchigen sammelzeitraum über 4000 tiere verzeichnet. ein unbeschreibliches glücksgefühl. keine zurückhaltung mehr. schaut man genauer hin, sind es ziemlich niedliche tierchen. ich erkannte, dass jedes dieser witzigen kreaturen sein eigenes wesen hatte. die einen beschwerten sich lauthals im eimer und versuchten herauszukrabbeln. andere kuschelten sich zu ihren weggefährten. junge, alte, schwache, kräftige, dicke und dünne tiere haben wir aufgelesen. erdkröten, grasfrösche, bergmolche und teichmolche. mit ausgefallener zeichnung, mit dezenten musterungen. sogar einen laubfrosch entdeckten wir auf den abendlichen und morgendlichen streifzügen. sanfte und friedvolle kleine wesen mit demselben wunsch zu leben, wie alle lebewesen auf diesem planeten.

    600 meter pro tag legen wandernde kröten zurück, bevorzugt in der nächtlichen sicherheit. (photo by elisa hanusch)

    alle vorurteile gegenüber krötensammlern verpufften. meiner meinung nach, sind sie in wahrheit unscheinbare helden von nebenan! ehrenamtlich setzen sie sich in ihrer freizeit gegen den amphibientod an den straßen ein. in kälte, nässe und dunkelheit. auf vielbefahrenen straßen und unwegsamen böschungen bahnen sie sich ihren weg zu den nach hilfe rufenden tieren. betreiben schadensbegrenzung. schaden, den der mensch mit seiner ausbreitung verursachte. der egoistische mensch nimmt und nimmt, ohne auch nur einen bruchteil zurückzugeben. wenn der mensch keinerlei respekt für diese kleinen wesen aufbringen kann, wie kann er dann guten gewissens behaupten, respekt vor anderem leben zu besitzen?

    mittlerweile, erzähle ich voller stolz, von abenteuern als amphibiensammlerin. ich begeistere meine mitmenschen auf eine authentische art und weise für die zarten tierchen. wo ich nur kann, erkläre ich eifrig, warum es so wichtig ist auf markierten straßenabschnitten die maximale geschwindigkeit einzuhalten. mit erfolg. ein freund schrieb mir per whatsapp mit einem beweisbild, dass er wegen mir aber auch den tieren zu liebe an schutzzäunen bewusst langsamer fährt. ich könnte glücklicher nicht sein.

     

    mit amphibischen grüßen,

    deine schlaumaierin